Kölner Initiative Grundeinkommen

Überschätztes Maß aller Dinge – Der Mensch lebt konkret nicht vom Geld, sondern von anderen Menschen, die für ihn leisten

Von Harald Schauff*

Die normalste Sache der Welt: Man macht seinen Job und verdient sein »eigenes Geld«. Vorausgesetzt, der Lohn reicht zum Leben, bescheinigt einem die Gesellschaft, durch diesen Umstand »auf eigenen Beinen zu stehen«. Erst jetzt ist der Mensch wer, ist er /sie angekommen und aufgenommen in den erlauchten Kreis verantwortungsbewusster Wirtschaftssubjekte und gilt von nun an als Herr seines eigenen Lebens.

Bereits beim letzten Punkt schleichen sich leise Zweifel ein. Als Angestellter ist der Mensch abhängig von einem Arbeitgeber und somit »weisungsgebunden«. Die Herrschaft über das eigene Leben beschränkt sich eher auf die Freizeit. Jedoch wäre das »selbst verdiente« Geld auch hier nichts wert, gäbe es dafür keine Produkte und Dienstleistungen zu erwerben. Somit ist der Herr des »selbst verdienten« Lebens immer auf andere Menschen angewiesen, die etwas für ihn tun und herstellen.

Diese schlichte Erkenntnis wird leicht vergessen bei aller übermäßigen Fixierung auf das Maß aller Dinge, das liebe Geld. Ursprünglich war es reines Mittel zum Zweck des Gütertausches. Später wurde es selbst Handelsware und mehr noch: Es wurde Fetisch und Gott, eben das Maß aller Dinge. Wohl dem, dem es wohl geneigt ist, weil er reichlich davon hat. Wehe dem, dem es fehlt.

Allgemein grassiert die Vorstellung, der Mensch lebe vom Geld, vom Einkommen, das er hat bzw. verdient, sei in diesem Sinne also Selbstversorger. In Wahrheit, wie auch Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm und Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens, betont, leben wir schon lange in einer kompletten Fremdversorgungsgesellschaft. Will heißen: Wir sind alle auf andere, mehrheitlich fremde Menschen, angewiesen, die uns mit Gütern und Dienstleistungen versorgen, von Grundnahrungsmitteln bis hin zu Freizeitangeboten. So sieht es aus in einer komplex arbeitsteiligen Gesellschaft, deren Ökonomie den Globus bereits seit Jahrhunderten wie ein Netz umspannt.

Wie kommt es, dass diesen ökonomischen Gegebenheiten zum Trotz nach wie vor der Glaube überwiegt, der Einzelne versorge sich und vielleicht noch seine Familie ausschließlich selbst, durch das Geld, das er verdient für den Lebensunterhalt? Angeblich soll er sich und die Familie davon sogar »ernähren«. Dabei kann man Geld nicht essen. Hier klärt Götz Werner auf: Die Vorstellung, man versorge sich selbst durch sein Einkommen, das man »erwirtschaftet«, entstammt der Vergangenheit. Noch vor rund 100 Jahren waren 40 % der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Seinerzeit und davor war es wichtig, sein eigenes Feld zu bestellen, damit es Früchte trug.

So lief es über Jahrhunderte, eigentlich Jahrtausende. Die Menschen lebten gleichsam von der Hand in den Mund. Die Selbstversorgungsmentalität ist ein Nachhall, ein geistiges Relikt jener Zeiten. Sie veränderte sich nur insoweit, als dass das Geldverdienen im Allgemeinen an die Stelle des Pflügens und Bebauens von Äckern und Feldern trat. Und das Einbringen der Ernte wurde wodurch ersetzt? Eben das liebe Geld selbst. Wenn man so will, wurde die Selbstversorgung in dieser Form von einer konkreten auf eine abstrakte Ebene verlagert. Konkret betrachtet besteht sie nicht mehr. Der Mensch ernährt sich selbst nicht mehr, sondern wird von anderen ernährt, deren Produkte er käuflich erwirbt.

Das öffentliche Bewusstsein trägt der Tatsache der Fremdversorgung keine Rechnung. Es klammert sich nach wie vor an die Vorstellung vom Selbstversorger, der sein »eigenes Geld« verdient. Diese Denkfigur hinkt der realen Entwicklung Jahrhunderte hinterher. Sie passt nicht mehr zur modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, zum Computerzeitalter erst recht nicht. Von daher ist sie als Denkfehler zu betrachten. Dieser Denkfehler macht den Kern des Leistungsdenkens aus. In dessen Rahmen erhält er Verstärkung durch das protestantische Arbeitsethos, das dem Einzelnen das Recht auf Nahrung absprechen will, wenn dieser nicht bereit ist, seine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.

Auch hierin steckt ein Denkfehler, auf den Götz Werner hinweist: Etwas leisten bzw. arbeiten kann nur, wer vorher Energie getankt, also gegessen hat. Mit leerem Magen fehlt die Kraft anzupacken. Genauso braucht jemand, der in der Gesellschaft aktiv tätig werden möchte, eine sichere Existenzgrundlage, sprich ein Einkommen. Jedoch wird immer noch so getan, als »verdiene« man sich diese Existenzgrundlage erst durch erbrachte Arbeitsleistung. Ohne Arbeit keine Existenz. Die Beschäftigung wird zum Zwang. Dabei sollte sie selbst bestimmt aus freien Stücken verrichtet werden. Längst ist die Gesellschaft technisch soweit entwickelt, dass sie dies allen ihren Mitgliedern erlauben kann. Genau deshalb ist die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens überfällig. Erst hierdurch wären auch die grundrechtlichen Ansprüche auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde garantiert.

Harald Schauff ist verantwortlicher Redakteur der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung »Querkopf«, die für 1,50 Euro auf der Straße verkauft wird. Diesen Artikel hat er in der aktuellen Ausgabe des »Querkopf« veröffentlicht.

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