Kölner Initiative Grundeinkommen

Mein Name ist Leonard Ritter. Ich bin 55 Jahre alt, und in ein paar Jahren das, was man vor der Weltkrise noch einen "Rentner" nannte.

Ich sehe optimistisch in die Zukunft, denn auch wenn eines Tages meine Muskeln schwach und mein Rücken krumm werden, kann ich weiterhin mein Freiheitsgeld beziehen, und da ich immer seltener aus dem Haus kommen werde, wird es auch sicherlich stets reichen, ohne dass ich mir noch etwas dazuverdienen muss.

Dem Freiheitsgeld, wie es umgangssprachlich genannt wird, schulde ich meinen Erfolg. Es ist seit 15 Jahren als "Existenz-Zuschuss" fest im Grundgesetz und seit fünf Jahren als "Existential Grant" in der EU-Gesetzgebung verankert.

Wie wir etwas nennen, ist wichtig. Die Neoliberalen nannten es "Bürgergeld", die Linken nannten es "Grundeinkommen", aber bedienten sich dabei wie so oft unfreiwillig am kapitalistischen Jargon. Bürgergeld bedeutet: Du erhälst Geld dafür, dass du ein Bürger bist - und nur dann. Grundeinkommen heißt: Du erhälst ein grundsätzliches Gehalt - dafür musst du aber etwas leisten. Existenz-Zuschuss heißt: Du erhälst Geld dafür, dass es dich gibt - und damit es dich gibt.

Die meisten nennen es Freiheitsgeld, weil es Ihnen erlaubt, ihr Leben frei zu gestalten, und so möchte auch ich es nennen. Ohne diese Freiheit wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.

Am Anfang war alles sehr schwer. Nachdem ich die Schule beendete, hatte ich genug vom Lernen und stürzte mich in das Leben eines Beschäftigten. Jung wie ich war, gab ich alles, und erhielt dafür wenig - doch für mich war es mehr als genug. Ich lebte zuerst in einer Mansarde, lernte dann meine Frau Sylvia kennen und wir zogen in eine kleine Wohnung.

Ich arbeitete als Programmierer. Die Projekte empfand ich oft als sinnlos - wir arbeiteten an un-idealistischen banalen Produkten, geschaffen, um einen Markt zu schröpfen, und nicht, um Kultur oder Technik dauerhaft zu bereichern. Ich saß acht Stunden am Tag. Die Frustration und der Mangel an Bewegung laugten mich aus, so dass ich viel Aß, und oft Abends gedankenleer und müde vor meinem Computer saß, in verzweifelter Bemühung, noch etwas zu schaffen, bevor ein weiterer Tag vorüber strich, der nichts bedeutete. Nach einer länger andauernden Kaffee-Sucht begann ich letztendlich, Antidepressiva zu nehmen.

Die Idee zum Freiheitsgeld kam damals im Umfeld der Graswurzel-Bewegung im Internet. Die Regierung hatte ein Forum ins Leben gerufen, in dem man Petitionen einreichen konnte. Ein Antrag auf ein "bedingungsloses Grundeinkommen" fand dort weite Zustimmung, wurde aber trotz Zusicherung nicht einmal im Bundestag besprochen. Schon vorher hatten Experten und Unternehmer wie Götz Werner für die Idee Stimmung gemacht, aber es fehlte den meisten an Vorstellungskraft, um das Potential zu erkennen.

Erst als Schriftsteller und Künstler begannen, das Thema kreativ zu verarbeiten, kam Leben in die Sache. Die Weltkrise tobte, doch plötzlich gab es da diese visionären Kurzgeschichten und Trickfilme, die für jeden verständlich erklärten, wie so ein Freiheitsgeld aussehen könnte, und genutzt werden würde. Diese "Graswurzel-Propaganda" sorgte dafür, dass selbst das damals noch konservativ-lethargisch geführte Fernsehen begann, das Thema positiv aufzugreifen.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn die Wahlen standen ins Haus. Das Freiheitsgeld wurde zum Kernthema. Keine Umfrage ohne Freiheitsgeld; jede Partei wollte plötzlich diejenige sein, die schon immer für das Grundeinkommen oder das Bürgergeld gekämpft hatte, denn es war deutlich erkennbar, dass Arbeitslosigkeit zum Massenphänomen und Vollbeschäftigung unmöglich wurde.

Anfangs waren die Entwürfe noch verhalten, und an viele Bedingungen geknüpft - aber es wurde bald klar: nur wer seinen Plan vom Freiheitsgeld so glaubwürdig darstellte, dass er die meinungsbildenden Netz-Journalisten auf seiner Seite hatte, würde die Wahl gewinnen.

Letztendlich gewann meine Lieblings-Partei, weil sie es schaffte, schon vor der Wahl die bekannten Verfechter des Freiheitsgeldes mit ins Boot zu holen. Die Zeit war einfach reif. Unter der hervorragenden Leitung unseres neuen Kanzlers wurde nach zwei Jahren eingehender Planung eine mutige Reform durchgeführt, die unter anderem alle alten, teilweise immens komplex gewordenen Sozialprogramme zum "Existenz-Zuschuss" zusammenfasste.

Die Reform wurde aber nicht nur bejubelt. Kritiker beschworen das Ende der freien Wirtschaft und sahen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zugrunde gehen, es waren vor allem die Meister der Ausbeutung, die ihre Macht schwinden sahen. Aber wie schon unser Kanzler mit einem Augenzwinkern in einem Interview sagte: "Wenn Deutschland am Existenz-Zuschuss zugrunde ginge, so hätte es das nicht besser verdient."

Deutschland ging selbstverständlich nicht zugrunde. Zwar kündigte ich meinen Job wie viele andere damals auch, doch lagen wir nicht lange faul zuhause herum und schauten fern - wir begannen, uns wertvollere Arbeit zu suchen.

Eine Zeit lang lief ich nur auf der Straße herum und sah mir den ganzen Tag meine Stadt an. Als ich davon genug hatte, begann ich mit "random acts of kindness". Ich half alten Damen über die Straße, trug Müttern ihre Kinderwägen die Stufen herauf und herab und sammelte Müll ein, wo ich ihn sah. Aber irgendwann gab es so viele zuvorkommende Menschen, dass ich mir etwas anderes suchen musste.

Ich begann, zu studieren. Die Universität war nicht länger ein Hort junger Leute. Menschen aus allen Generationen hatten sich eingeschrieben, um das Leben besser zu verstehen. Nicht länger wurde von Bildungseinrichtungen die Vorbereitung auf das Berufsleben gefordert, sondern eine humanitäre Wissensvermittlung, über die Schüler und Studenten sich mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen des Mensch-seins auseinander setzen konnten.

Ich studierte zwei Semester Welternährung und bekam ein paar großartige Ideen. Leider wusste ich für deren Umsetzung zu wenig, also wandte ich mich der Robotik zu und lernte, wie man Roboter baut und programmiert. Ich habe im Laufe meiner Studien unter anderem viel zum Plantagen-Roboter beigetragen, wie man ihn heute kennt. Die Arbeit war so spannend, dass ich oft vergaß, zu essen, und dabei fast dürr wurde.

Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles gearbeitet habe. Ich war eine Zeit lang wie Benjamin Blümchen. Ich habe auf dem Bau geholfen. Ich habe am Supermarkt an der Kasse gesessen. Ich war Sprechstundenhilfe für einen Arzt. Ich habe mal zwei Monate geputzt, weil die Bezahlung erstklassig war, aber ewig hätte ich das nicht machen können. Ich war auch nicht wirklich gut darin.

Abwechslung ist für mich das Schlüsselwort. Wenn ich zu lang bei einer Arbeit verweile, dann gibt es kaum noch etwas Neues zu entdecken, und ich verkümmere geistig. Ein Wechsel bringt oft auch in meine schriftstellerische Arbeit neuen Wind. Natürlich hätte ich all diese Tätigkeiten auch schon früher ausüben können, aber ich habe nicht daran geglaubt, dass das funktioniert. Mit dem Freiheitsgeld schien eine Weile lang alles möglich.

Sylvia blieb in all der Zeit zuhause und kümmerte sich um die Kinder. Ich war nur fort, wenn ich gerade nicht schrieb, aber wir hatten uns darauf geeinigt, dass ich nie mehr als acht Stunden am Tag arbeitete. Meine zusätzliche Energie machte sich auch im Bett bemerkbar, wo mich vorher der monotone Arbeitsalltag lustlos gestimmt hatte. Vielleicht hat uns das Freiheitsgeld sogar unsere Ehe gerettet.

Als die Kinder alt genug waren, um auch einmal allein gelassen zu werden, startete Sylvia ihren Zeichenkurs, der mittlerweile zu einer Schule für abstrakte Kunst geworden ist. Ich trage mit meiner schriftstellerischen Arbeit zum Kulturschatz bei, der für jeden Menschen frei zugänglich ist. Ich schreibe zwar in erster Linie Reportagen und soziale Sciencefiction, die oft nur von Experten aus den Fachbereichen gelesen werden, meine Texte sind teilweise aber schon in fünf Sprachen erhältlich, Danke dafür meinen Übersetzern.

Das Freiheitsgeld hat sich mittlerweile international durchgesetzt, wenn auch zwangsweise. Da auch Einwanderer das Freiheitsgeld beziehen, wuchs ein Zustrom an Menschen, mit dessen Integration man kaum hinterher kam. Allerdings drohte dadurch auch die Wirtschaft der Quell-Länder zusammenzubrechen, und so hatten nur die Länder eine Chance, die das Modell übernahmen.


Schon ein paar Monate nach der Reform waren meine Depressionen wie verflogen. Ohne das Freiheitsgeld wären meine Frau, ich und viele andere heute verbitterte Menschen mit dem Kulturleben von Legehennen, einem kontinuierlichen selbstzerstörerischen Konsumwahn verfallen, mit dem wir versucht hätten, ein seelisches Loch zu stopfen, das nur jeden Tag größer, tiefer und dunkler wird.

Wir hätten uns eingeredet, dass wir im Besten aller möglichen Systeme leben, und uns mit den Bestandsaufnahmen ärmerer Länder Trost zugefächelt - nur um eines Tages festzustellen, dass wir diejenigen sind, die in einem reichen Land Asyl suchen müssen.

Ich danke meinen Landsleuten auf Händen und Knien, das wir es nie so weit haben kommen lassen. Wer hätte gedacht, dass Deutschland noch einmal so fortschrittlich sein könnte.

Quelle: www.leonard-ritter.com

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