Kölner Initiative Grundeinkommen

Digitaler Großangriff – Technischer Fortschritt räumt Arbeitsmarkt ab

Von Harald Schauff*

Na sowas: Zwei angesehene Ökonomen des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, eine der berühmtesten Hochschulen der USA, zogen aus, die neuesten Errungenschaften der IT (Intelligent Technology)-Branche zu erforschen. In einem Buch wollten sie darlegen, wie gut der technische Fortschritt der gesamten Wirtschaft bekommt. Dabei stießen die beiden Größen aus dem Elfenbeinturm der ökonomischen Akademie, Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson, auf einen Faktor, den sie nicht erwartet hatten: So wie die Dinge liegen, vernichtet der technische Fortschritt unterm Strich mehr Arbeitsplätze als er neue schafft.


Eine Erkenntnis, die Ökonomen aus dem eher linken Spektrum, u.a. Robert Kurz und Jeremy Rifkin, bereits vor Jahrzehnten gewannen. Mit weitem Abstand dahinter kommen nun allmählich auch die Spätzünder aus den konservativ-liberalen Thinktanks auf den Trichter. Wie lange hatten sie sich betonkopfartig gegen diese bessere Einsicht zur Wehr gesetzt und sich an ihre alten Erklärungsmodelle geklammert. Darunter: Die volkswirtschaftliche Faustregel, nach welcher die Arbeitslosigkeit ab einer bestimmten Höhe des Wachstums deutlich abnehmen müsste. Und zwar um jeweils 1 % pro 3 % zusätzlichen Wachstums. Doch wurde diese Regel schon vor der Finanzkrise gebrochen: Obwohl die Produktivität im vergangenen Jahrzehnt so steil anstieg wie zuletzt nur in der Aufschwungphase nach dem Zweiten Weltkrieg, blieb die Anzahl der Jobs gleich (Informationen: Siehe SPIEGEL 18/ 2013). Natürlich haben die neuen Technologien auch Millionen Jobs rund um den Globus geschaffen, mehr als jeder andere Wirtschaftszweig. Bis 2015 sollen im IT-Bereich 4,4 Millionen weitere hinzu kommen. Das mag sich erst einmal nach viel anhören. Allerdings geht man davon aus, dass »die parallel ausgelösten Verwüstungen in anderen Branchen am Ende größer sein werden«.

Bekanntermaßen ersetzen bereits seit geraumer Zeit Roboter in den Fertigungsstraßen der Autofabriken  Arbeiter am Fließband. Inzwischen drohen auch anderen Branchen gewaltige Automationswellen: Selbstbedienungskassen verdrängen Kassiererinnen. Check-In-Kioske machen Mitarbeiterinnen von Fluggesellschaften eben so überflüssig wie Algorithmen Börsenhändler und Internetangebote Reisebüros. Für McAfee ist diese Entwicklung schon seit einem Jahrzehnt offensichtlich. Er hält das Bisherige allerdings nur für einen Vorgeschmack des weltweiten Wandels, der uns in den nächsten 5 bis 10 Jahren erwartet. Viele Experten befürchten verheerende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Es drohen explodierende Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen, welche wiederum Produktionsrückgänge zur Folge hätten. Verlierer sind dabei nicht nur Arbeitnehmer, die sog. »einfache Tätigkeiten« verrichten. Auch ein Großteil der besser ausgebildeten Mittelschichten wird von kommenden Rationalisierungsschüben betroffen sein. Laut mooreschen Gesetz verdoppelt sich alle zwei Jahre die Leistungskraft von Computerchips. Dies führt zu einer extremen Beschleunigung des Fortschritts. Heutige Smartphones besitzen schon mehr Rechenkraft als ein hoch gerüsteter PC vor sieben Jahren. Tempo und Komplexität nehmen explosionsartig  zu. Auf der anderen Seite nimmt die Liste der Tätigkeiten, wo Menschen den Maschinen noch voraus sind, rapide ab. Kaum ein Berufszweig ist noch sicher: Callcenter-Mitarbeiter werden durch Telefon-Roboter ersetzt. Anwaltsgehilfen können nicht mehr mit Computerprogrammen mithalten, welche Dokumente schneller und genauer durchpflügen. Auch Steuerberatung wird zuverlässig von billigerer Software erledigt.

Der Trend zur Automation macht selbst vor dem Journalismus nicht halt: In den USA verfasst ein Computerprogramm bereits kurze Sportmeldungen. Längst reicht diese Entwicklung weit über den Einsatz von Fabrikrobotern hinaus und dringt immer tiefer in den Dienstleistungsbereich vor. U.a. in Form von elektronischer Buchhaltung und Online-Handel.
Im Prinzip lässt sich jede Bürotätigkeit computerisieren. Überall, wo Informationsverarbeitung ins Spiel kommt und die Aufgaben fest strukturiert sind, können Maschinen den Job übernehmen. Die Folge sind stark sinkende Gehälter in den betroffenen Berufsgruppen. Selbst Jobs, die mehr Fähigkeiten und Bildung verlangen wie in der IT-Branche sind nicht mehr sicher vor Rationalisierung. Viele Anwendungen wandern heute bereits in die »Cloud« ab. Die Automation macht auch nicht vor Fachkräften halt. Man kann darauf wetten, dass in spätestens 10 Jahren niemand mehr das Wort »Fachkräftemangel« in den Mund zu nehmen wagt.

Bis es so weit ist, schicken sich die Maschinen an, die letzten von menschlicher Arbeitskraft belegten Fabrikhallen vollständig zu übernehmen. Auch in Schwellenländern wie China, wo die Löhne noch steigen. Der taiwanesische Elektronik-Hersteller Foxconn hat in einigen Abteilungen bereits 75 % der Belegschaft durch Automaten ersetzt. Da die Herstellungskosten der Hochtechnologie immer weiter sinken, geraten vor allem die unteren Einkommensgruppen unter Druck. Auf der anderen Seite heimsen die oberen Einkommensgruppen die Wohlstandsgewinne überproportional für sich ein. So verschärft die Automation das soziale Gefälle.

Diese Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran. Und legt eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung nahe: Der Faktor Lohnarbeit taugt immer weniger zur Einkommensbeschaffung geschweige denn Existenzsicherung. Eine drastische Arbeitszeitverkürzung wäre eine angemessene Reaktion auf diesen Trend. Sie allein wird jedoch nicht ausreichen, weil der Bedarf an Arbeitskräften stetig weiter sinkt und Technologisierung zunehmend die Löhne drückt. Im Endeffekt führt kein Weg daran vorbei, Arbeit und Einkommen zumindest teilweise zu entkoppeln, durch Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das Existenzminimum ist vorbehaltlos, ohne den Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft zu gewähren. Alles andere ergibt keinen Sinn mehr. Der Mensch kann sich noch so ins Zeugs legen, noch so tüchtig, flexibel und unter Lohnverzicht ans Werk gehen – er wird dem technischen Fortschritt stets hoffnungslos hinter her hinken. Eigentlich stellt dieser einen Segen dar, denn er befreit die Menschen von mechanischer, stumpfsinniger, eintöniger und krank machender Beschäftigung. Gleich ob in der industriellen Fertigung oder im Dienstleistungsbereich. Es gilt, diese vermeintliche Not endlich als Tugend zu erkennen und die Trennung von Arbeit und Einkommen sowohl in den Köpfen als auch in der Praxis zu vollziehen.

Harald Schauff ist verantwortlicher Redakteur der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung »Querkopf«, die für 1,50 Euro auf der Straße verkauft wird. Diesen Artikel hat er in der aktuellen Ausgabe des »Querkopf« veröffentlicht.

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