Kölner Initiative Grundeinkommen

Mahnmal gegen Arbeitszwang – Die Rolle des Faktors »Arbeit« in den Konzentrationslagern der Nazis

Von Harald Schauff*

Die Geschichte des Holocausts lehrt auch, wohin es führen kann, wenn der Mensch rein über seine Arbeitskraft definiert und als wertlos eingestuft wird, wenn sie nicht verwertbar ist. Die Lehre hieraus kann nur sein, ihn vom Zwang zum Verkauf seiner Arbeitskraft zu befreien. Alles andere ist inkonsequent, soll die Gefahr einer Wiederholung eines derartigen Grauens von Grund ausgeschlossen sein. Auch genau deshalb brauchen wir das Bedingungslose Grundeinkommen.

Mit großem Aufwand wurde im Januar diesen Jahres des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee 1945 gedacht. Es fanden jede Menge Gedenkveranstaltungen, Ansprachen, Sondersendungen und Dokumentationen mit Berichten überlebender Zeitzeugen statt. Der Tenor war einhellig: Das Grauen des Holocausts bleibt in seiner Dimension unfassbar. Es darf nicht verdrängt und vergessen werden, damit es sich niemals wiederholt. Das kann nicht dick genug unterschrieben werden. Will man Parallelen in diese Richtung von Grund auf vorbeugen, sollte man allerdings einen Aspekt hervorheben, den das offizielle Gedenken unberücksichtigt ließ. Dabei ist er so naheliegend, dass er regelrecht ins Gesicht springt. Welcher bekannte Spruch prangte in metallischer Schrift über dem Eingang des KZs Auschwitz? »Arbeit macht frei.«

Diese Aussage ist zum einen der pure Zynismus angesichts dessen, was in den Lagern vor sich ging. Zum anderen ist sie ein Widerspruch in sich selbst. Denn Arbeit ist bis heute im Regelfall aufgezwungene, fremd bestimmte, ausbeuterische Tätigkeit. Diese macht diejenigen, welche sie verrichten alles andere als frei. Vielmehr knechtet sie, drückt herunter, entmenschlicht, macht krank.

Die Unmenschlichkeit, die dem Zwang zur Arbeit im Kern innewohnt, kam in den KZs und Arbeitslagern in extremster Form zum Ausdruck. Hier wurde vorgeführt, was es heißt, den Menschen auf seine bloße Arbeitskraft zu reduzieren. Die Opfer durften etwas länger leben, wenn diese gefragt war, und sei es um die Gräber für die Ermordeten auszuheben. Einige schafften es aufgrund dieser Verwertungslogik sogar zu überleben. Der Unternehmer Oskar Schindler rettete 1.200 Juden vor der Vernichtung, in dem er den NS-Behörden glaubhaft versicherte, sie seien unverzichtbar als »kriegswichtige Arbeitskräfte«. Es blieb eine der wenigen Ausnahmen. Im Normalfall wurde, wer nicht als Arbeitskraft einsetzbar war, erschossen bzw. vergast. Zwangsarbeiter mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen bei schlechter Versorgung schuften. All zu oft bis sie an Entkräftung starben. »Vernichtung durch Arbeit« hieß das im Jargon der Todesmaschinerie.

Nicht leicht zu beantworten bleibt die Frage, warum so viele bereit waren, sich an dem Massenmord zu beteiligen. Neben Autoritätshörigkeit, Führerkult, nationalistischen und rassistischen Motiven mag auch der verinnerlichte Arbeitsethos eine Rolle gespielt haben. Man besaß eine Aufgabe, eine Funktion, eine Pflicht, einen Wert im Mitwirken an einem großen Ganzen. Gleich wie menschenverachtend und mörderisch das Handwerk war, Hauptsache man durfte mitmachen, dazu gehören und erfuhr Anerkennung. Hier spielte sicherlich das Trauma der Massenarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise in den frühen 30ern mit hinein. Dem Einzelnen wurde vorgeführt, was es heißt, nicht gebraucht zu werden. Danach war er erst recht froh, irgendeinen Job zu bekommen. Hauptsache Arbeit eben.


Harald Schauff ist verantwortlicher Redakteur der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung »Querkopf«, die für 1,50 Euro auf der Straße verkauft wird. Diesen Artikel hat er in der aktuellen Ausgabe des »Querkopf« veröffentlicht.

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