Kölner Initiative Grundeinkommen

Unproduktive Blasenwirtschaft – Kaum steigende Produktivität trotz Automation und Digitalisierung

Von Harald Schauff*

Mit »Arbeitsproduktivität« ist gemeint, was ein Erwerbstätiger in einer Arbeitsstunde herstellt. Durch den Fortschritt in Forschung und Technik steigt die Arbeitsproduktivität in der Wirtschaft ständig. Konkret heißt das: Die gleiche Anzahl von Arbeitskräften ist imstande mehr zu produzieren. Oder: Die gleiche Menge von Gütern kann mit weniger Arbeitskräften hergestellt werden. Diese Ansicht teilen seit Marxens Zeiten praktisch alle linken Ökonomen. Um so erstaunlicher findet es Hermannus Pfeiffer, dass die angeblich rasante technische Entwicklung sich trotz des massenhaften Einsatzes von PC, Smartphone und Software nicht in einer gesteigerten Arbeitsproduktivität niedergeschlagen hat. Volkswirtschaftliche Daten legten dies nahe.

»Computer sind keine Dampfmaschinen« hat Pfeiffer seinen Artikel im Neues Deutschland überschrieben. Er stellt fest: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Produktivität in den USA noch im Schnitt um 2,8 % jährlich gestiegen. Nach dem Ölpreis-schock 1973 habe sich diese Rate halbiert. In den 90ern sei sie infolge umfangreicher IT-Investitionen und nach der Jahrtausendwende bis 2005 nochmals angestiegen, wie der Volkswirt Philip Plickert in der FAZ meint. Seitdem und damit noch vor der Finanzkrise 2007- 2009 sei die Kurve abgeflacht und zuletzt sogar gefallen. Tatsächlich ging nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in den Jahren 2013 und 14 auch in Deutschland die Arbeitsproduktivität zurück. Der Sachverständigenrat attestiert spätestens seit Beginn der 2000er Jahre einen Rückgang der Arbeitsproduktivität.

Laut Pfeiffer nehmen pessimistische Ökonomen derlei Zahlenwerk zum Anlass, Computer und Internet die umwälzende Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft, wie diese sie einst Dampfmaschine, Chemie, Elektrizität, Auto und Flugzeug hatten, abzusprechen. Andere Faktoren wie die Alterung der Gesellschaft, die sich verschärfende Ungleichheit und eine Nachfrageschwäche bremsten die Computerisierung aus.
Technikoptimisten führen an, die neue Technik brauche Jahrzehnte, bis sie die Wirtschaft gänzlich durchdrungen habe und das Wachstum antreibe. Andere bemängeln statistische Unzulänglichkeiten. So blieben bei der Erhebung für das Bruttoinlandsprodukt Gratis-Dienstleistungen im Internet unberücksichtigt.
Allerdings würden auch die Optimisten einen Aspekt übersehen, wie Pfeiffer anmerkt: Den hohen Entwicklungsgrad der Volkswirtschaft, den er als »Grundwert« bezeichnet. Je höher jener ausfalle, heißt, je entwickelter die Volkswirtschaft sei, desto mehr Bruttoinlandsprodukt sei in einem Prozent Wachstum enthalten. Auf Basis dieser hohen Entwicklungsstufe ergäbe 1 Prozent in absoluten Zahlen einen sehr hohen Milliarden-Euro-Betrag. Diese hätte in den 50ern für eine zweistellige Wachstumsrate ausgereicht. Ähnliches gelte für die Arbeitsproduktivität: Weil der Status Quo bereits hoch produktiv sei, fielen die Zuwächse geringer aus.

Einen weiteren entscheidenden Grund vermutet Pfeiffer in fehlenden Investitionen. Würde nicht in neue Maschinen und Arbeitsprozesse investiert, könnten die Möglichkeiten der Technik nicht ausgeschöpft werden. Seit der Finanzkrise von 2007 bis 2009 sei die Investitionstätigkeit global zwar deutlich angestiegen, jedoch hauptsächlich nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Zudem sei das Vorkrisenniveau noch nicht überall wieder erreicht. Obendrein käme der langläufige Trend zu »monetären Investitionen« an den Finanzmärkten. Seit 2002 würde in den Firmen mehr gespart, also Geldkapital gebildet, als in Realkapital investiert. Einleuchtend: Nicht zuletzt deshalb sind die Finanzmärkte derart aufgebläht und haben Börsenindizes wie den amerikanischen Dow Jones und den deutschen DAX letztes Jahr auf Allzeithochs gehievt.
Pfeiffer führt noch eine weitere Erklärung für die magere Bilanz der Arbeitsproduktivität an: Sie werde nicht nur durch die technische Entwicklung, sondern auch von anderen Faktoren wie der Nachfrage nach Gütern und der Kapazitätsauslastung der Betriebe bestimmt. Laut Deutscher Bundesbank lag die Auslastung der deutschen Industrie letztes Jahr bei 84 %. Erhöhte sie sich, stiege auch unmittelbar die statistische Arbeitsproduktivität.

Pfeiffer hat noch einen anderen Aspekt im Auge, dem er sich ausführlicher widmet. Er zitiert dabei Hermann Adam von der TU Berlin. Demnach wirke sich die neue technische Revolution nicht so arbeitssparend aus wie vorhergehende. Grund sei eine »strukturelle Verschiebung« von hoch produktiven Wirtschaftsbereichen wie dem verarbeitenden Gewerbe hin zu weniger produktiven Zweigen wie Großteilen des Dienstleistungsbereiches. Die Wertschöpfung bzw. Entstehung des Mehrwertes verschiebe sich von der klassischen Produktfertigung hin zu Dienstleistungen rund um das Produkt. So würden Hersteller von Rolltreppen wie Thyssen Krupp ihr eigentliches Geschäft nicht mit dem Verkauf, sondern der Installation, Wartung und dem Service machen. Dadurch würden sich technische Innovationen volkswirtschaftlich weniger auswirken, sondern auf Teilbereiche wie die Industrie beschränken. Deren Anteil an den Volkswirtschaften der USA, Großbritanniens und Deutschlands läge jedoch nur bei 10 bis 25 %. Die Wirkung revolutionärer Technik werde allgemein überschätzt.


Nichtsdestoweniger würde die Verschiebung der Wertschöpfung von der reinen Technik in den Dienstleistungsbereich »anspruchsvolle Arbeit« schaffen, wie jene von Entwicklern und Beratern, Juristen und Finanzbuchhaltern. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gäbe es in Deutschland durch die technische Entwicklung nur 60.000 Jobs weniger in einem Jahrzehnt. Ökonom Adam sieht hinter der niedrigen Zahl einen »qualitativen Wandel«. Die Arbeit erfordere höhere Qualifikation, wodurch die Chancen auf einen Job für gering Qualifizierte sänken. Adam und Pfeiffer sorgen sich um Millionen Ungelernte, auch Jugendliche und Migrant/innen, denen allen die nötige Bildung fehle, um einen der neuen Jobs in den »Modernen Zeiten« auszufüllen.

Dass die Arbeitsproduktivität infolge eines bereits hohen Produktionsniveaus nicht mehr so stark zunimmt wie einst und auf Grund fehlender Investitionen der Unternehmen zwischenzeitlich stagniert oder sogar sinkt, lässt sich nachvollziehen. Zweifelhaft bleibt allerdings, ob und inwieweit der Dienstleistungssektor die Auswirkungen der technischen Revolution, also primär die Rationalisierungseffekte, tatsächlich auffängt, in dem dort etwa vergleichbar viele und gute Jobs entstehen wie im produzierenden Gewerbe entfallen. Die schöne neue Dienstleistungswelt sorgt dafür, dass uns trotz Automation und Digitalisierung die Arbeit nicht ausgeht, wollen uns Pfeiffer und der von ihm angeführte Adam glauben machen. In der Tat hat sich der Dienstleistungssektor in den vergangenen Jahrzehnten tüchtig aufgebläht. Ein Großteil besteht aus Niedriglohn- und Teilzeitjobs. In Deutschland sind beinahe 5 Millionen Erwerbspersonen ausschließlich geringfügig beschäftigt. Darunter befinden sich nicht wenige mit akademischem Abschluss.

Die Qualifikation garantiert heutzutage nichts mehr. Die Vielzahl der »Mac-Jobs«, wie sie in den USA genannt werden, kann die im Industriesektor wegfallenden Normalarbeitsverhältnisse allenfalls statistisch kompensieren. Deshalb sind die Arbeitslosenquoten in Deutschland und den USA so niedrig. In Bereichen wie Verkauf und Gastronomie hat sich ein regelrechtes Dienstleistungsprekariat herausgebildet. Jenes taucht in den Überlegungen von Pfeiffer, Adam und dem IAB nicht auf, obwohl auf seinem Mist vornehmlich die Rekordzahl von über 43 Millionen Beschäftigten auf dem deutschen Arbeitsmarkt gewachsen ist. Durch die Zunahme von Teilzeitarbeit hat in einigen Bereichen des Arbeitsmarktes eine schleichende Arbeitszeitverkürzung stattgefunden. Gleichzeitig wurde die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt. Auch deshalb steigt die Arbeitsproduktivität weniger stark an.

Es existiert noch ein weiterer Grund für ihren geringeren Anstieg bzw. Rückgang: Überschüssige Kapazitäten der Weltwirtschaft, welche diese seit dem Finanzcrash 2008 mit sich herum schleppt. Normalerweise hätte eine Finanzkrise dieses Ausmaßes große Pleitewellen nach sich gezogen, meint ein Bankberater gegenüber dem SPIEGEL (51/2015). Jene seien durch die Reaktion der Notenbanken verhindert worden. Die Schwellenländer hätten sogar massiv Kapazitäten aufgebaut. Trotz Öffnung der Geldschleusen kommt die Weltwirtschaft nicht in Schwung. Ein Problem sind die hohen Schulden. Sie stiegen, sowohl öffentlich als auch privat, seit 2008 nochmals um 57 Billionen auf insgesamt 199 Billionen Dollar. Dank niedriger Zinsen und fauler Kredite in den Bankbilanzen werden viele marode Firmen auf Pump am Laufen gehalten.

Fassen wir zusammen: Schuldenblase, Geldpolitik und Export in noch wachsende Schwellenländer haben die Weltwirtschaft nach der letzten Finanzkrise vor größeren Pleitewellen und Rationalisierungsschüben und damit vor einem massiven Jobabbau bewahrt. Auch das damals anspringende Smartphone-Geschäft mag seinen Teil beigetragen haben. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, wann diese »Marktbereinigung« nachgeholt wird. Wenn sie vorüber ist, dürfte das IAB seine Zahl von nur 60.000 Stellen weniger in der deutschen Wirtschaft innerhalb eines Jahrzehntes gehörig nach oben korrigieren. Dann kommt die »technische Revolution« doch noch oder erst richtig zur Geltung. Mit der wieder anspringenden Konjunktur würde sich auch die Arbeitsproduktivität deutlich erhöhen.

Die nächsten Rationalisierungswellen sind einzig eine Frage der Zeit. Sie werden auch den Dienstleistungssektor nicht verschonen. Intelligente Software wird den Job von Buchhaltern, Beratern, Planern, Controllern u. ä. übernehmen. Der gesellschaftliche Wert solcher Tätigkeiten ist ohnedies fragwürdig. Sie dienen zumeist der reinen Kapitalverwertung. Ein Aspekt, den der wohlfeile Begriff der »Wertschöpfung« und das Attribut »anspruchsvoll« übergehen. Braucht es wirklich so viele Berater, Juristen und Werbefachleute, die besser bezahlt werden als Alten- und Krankenpfleger? Gemessen am gesellschaftlichen Wert der Arbeit wirken die Überkapazitäten der Blasenwirtschaft noch weitaus gigantischer. Die Umstellung auf eine computerisierte, bedarfsgerechte Wirtschaftsweise, eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung und die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würden eine Menge Luft aus dem aufgeblähten Apparat lassen. Die Zukunft sähe freundlicher aus.

Abschließend sei noch auf einen Aspekt verwiesen, den Pfeiffer ebenfalls nicht berücksichtigt: Die langfristige zyklische Bewegung der Konjunktur. Angetrieben von einer »Basisinnovation« zeigt die Weltkonjunktur aufsteigende wie absteigende Tendenzen von jeweils zwei bis drei Jahrzehnten. »Basisinnovationen« sind technische Erfindungen wie Dampfmaschine, Auto, Elektrizität, Fließband oder Computer, welche Wirtschaft und Gesellschaft durchdringen und nachhaltig verändern. Solange sie für deutlich steigende Zuwachsraten sorgen, befindet sich die Wirtschaft im Aufschwung. Gehen sie zurück und häufen sich Krisen größeren Ausmaßes, zeigt die Tendenz der Weltkonjunktur Richtung Abschwung. Dies ist spätestens seit der Finanzkrise der Fall. Ähnlich war es in den 70ern, als die Automobilindustrie an ihr Limit stieß. Grund: Viele Haushalte hatten bereits mindestens 1 Auto und befriedigten nur noch Ersatzbedarf, in dem sie es gegen ein neues eintauschten. Die Zuwächse sanken und mit ihnen auch die Arbeitsproduktivität. Ähnlich erging es Computer und Internet nach der Jahrtausendwende. Sie verloren ihre Zugkraft.

Da inzwischen auch die Schwellenländer Probleme haben, ist die Weltkonjunktur schleppend und die Arbeitsproduktivität gering. Dies bedeutet, wie bereits erwähnt, keineswegs, dass zukünftige Rationalisierungsschübe ausbleiben. Im Gegenteil: Gerade weil man sich um die letzten mittels Export in Schwellenländer, Finanz- und Schuldenblase herum gemogelt hat, kommen die nächsten umso gewaltiger.


Harald Schauff ist verantwortlicher Redakteur der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung »Querkopf«, die für 1,50 Euro auf der Straße verkauft wird. Diesen Artikel hat er in der aktuellen Ausgabe des »Querkopf« veröffentlicht.

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