Kölner Initiative Grundeinkommen

Siamesische Zwillinge: Digitalisierung und Grundeinkommen

Von Harald Schauff*

Es ist praktisch ein Gedankengang: Die Technologisierung macht menschliche Arbeitskraft zunehmend überflüssig. Die große Umkrempelung der Arbeitswelt im Zuge der digitalen Revolution steht noch bevor. Sicher werden auch einige neue Berufsfelder für Ingenieure, Techniker und Software-Experten entstehen. Der Personalbedarf hier wird jedoch den Stellenabbau infolge des Wegfalls alter Berufe nicht ausgleichen können. Viele werden einfach nicht mehr gebraucht. Vielen anderen wird der Lohn wiederum nicht zum Leben reichen. Keine bloße Horrorvision, sondern bereits traurige Tatsache für Millionen Beschäftigte.

Die einzig vernünftige Konsequenz aus der Erkenntnis dieser Entwicklung ist die Trennung von Arbeit und Einkommen durch die vorbehaltlose Gewährung des Existenzminimums in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens. Bereits vor über einem Jahrzehnt formulierte dm-Gründer Götz Werner diesen gedanklichen Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und Grundeinkommen. Immer mehr Angehörige der Eliten aus Politik und Wirtschaft schicken sich an, ihm zu folgen. Zuletzt plädierte Siemens-Chef Joe Kaeser für ein Grundeinkommen (Siehe Neues Deutschland v. 22.11.16). Bis zum Jahr 2025 würden 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze durch den digitalen Wandel verschwinden. Einige würden auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit der Welt nicht mithalten könnten. Die Gesellschaft müsse dafür sorgen, dass die Menschen versorgt seien. Deshalb sei „eine Art Grundeinkommen“ völlig unvermeidlich.

Vor rund einem Jahr äußerte sich Telekom-Chef Timotheus Höttges in einem ZEIT-Interview. Er halte das bedingungslose Grundeinkommen für eine Grundlage, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die digitale Revolution verändere Gesellschaft und Arbeitswelt grundlegend. Dies erfordere „unkonventionelle Lösungen“ zum
Erhalt der Sozialsysteme. Finanziert werden könne ein Grundeinkommen durch die Besteuerung der Gewinne großer Internetkonzerne.

Auch SAP-Vorstand Bernd Leukert plädierte bereits vor einem Jahr (Siehe Neues Deutschland v. 22.1.16) für die Einführung eines Grundeinkommens. Die Bedingungen für ein faires Einkommen sollten nicht der Wirtschaft überlassen bleiben. Die Politik sei gefragt hier den richtigen Rahmen zu setzen. Von einem bedingungslosen Grundeinkommen würden auch die Bezieher hoher Gehälter profitieren. Wenn wir an dieser Stelle nichts täten, drohe die Gesellschaft auseinander zu brechen.

Dem amerikanischen Politikwissenschaftler und ehemalige Arbeitsminister im Kabinett von Bill Clinton, Robert B. Reich, macht nicht nur das wachsende soziale Gefälle Sorgen. Er bemerkt ebenfalls die Folgen des technischen Fortschritts: Immer mehr Arbeiter und Angestellte würden durch Technologie ersetzt. In den kommenden 20 Jahren sieht er in einer großen Welle viele Mittelschichtjobs verschwinden, wie er sich im SPIEGEL-Interview äußert (32/2016). In 30 Jahren würden viele von uns zwar noch Jobs haben, nur nicht mehr soviel verdienen. Wir müssten dafür sorgen, dass das Geld zirkuliere. Etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Sind die genannten Herren allesamt Idealisten oder gar Utopisten? Nein, sie schauen lediglich voraus. Sie blicken von einer gehobenen Position aus über den Tellerrand. Und sehen dahinter die technischen Umwälzungen der Arbeitswelt, welche eine bedingungslose Existenzsicherung für alle über kurz oder lang unumgänglich machen.

Harald Schauff ist verantwortlicher Redakteur der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung »Querkopf«, die für 1,50 Euro auf der Straße verkauft wird. Diesen Artikel hat er in der aktuellen Ausgabe des »Querkopf« veröffentlicht.

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