Kölner Initiative Grundeinkommen

Von der „Vertafelung der Gesellschaft“ zur „Suppenküchenrepublik“

Die Solidarität mit Bedürftigen hat Schattenseiten – Tafeln und Sozialkaufhäuser führen in die Abhängigkeit.

Tafeln sind aus dem bundesdeutschen Sozialstaat nicht mehr wegzudenken. Nicht umsonst spricht man mittlerweile von der „Suppenküchenrepublik“. Über eine Million Bürger dieses reichen Landes waren allein in diesem Jahr „Gäste“ solcher sozialen Einrichtungen. Auch Sozialkaufhäuser sprießen in weniger kaufkräftigen Wohnvierteln wie Pilze aus dem Boden.

Vordergründig hilft es den Betroffenen: Die Kunden, meist Hartz IV-Empfänger und prekär beschäftigte, können mit ihrem wenigen Geld besser über die Runden kommen, Kinder bekommen ein warme Mahlzeit und die Mitarbeiter dieser Einrichtungen sind beschäftigt (fallen aus der Statistik der Arbeitsagentur raus).

Die Schattenseiten: Billig oder umsonst ist es nur weil Läden ihre (oft) abgelaufenen Lebensmittel preiswert entsorgen können und die sozialen Einrichtungen Lohnkosten sparen, in dem sie Ein-Euro-Jobber in großem Stil beschäftigen. Davon profitieren oft die großen Sozialdienstleister (Diakonie etc.). Ein-Euro-Jobs gelten unter vielen Experten nicht nur als eigentlich rechtswidrig sondern helfen den Betroffen nicht wirklich weiter: sie bleiben auf die Gnade des Jobcenters angewiesen und können auch nur selten auf eine „Eingliederung“ in den ersten Arbeitsmarkt hoffen – nachhaltige Förderung von Menschen sieht anders aus.

Die Kunden dieser Einrichtungen hingegen werden zwar finanziell entlastet, aber gerade dadurch in die Abhängigkeit getrieben. Ihre Würde und die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, werden drastisch reduziert. Forderungen von Politikern wie Thilo Sarrazin oder den Chemnitz „Forschern“ nach Überprüfung bzw. Reduzierung der Hartz IV-Sätze erscheinen so in einem völlig neuen Licht.

Verantwortungsbewusstsein, Würde, Eigeninitiative, Unternehmungslust – das Fördern dieser Eigenschaften scheint jedenfalls nicht das Ziel der derzeitigen Arbeitsmarktpolitik zu sein. Traurig für ein Land, das auf seine Innovationskraft angewiesen ist und von der Wissensgesellschaft träumt.
Na dann, Gute Nacht Deutschland!

Mehr Hintergrundinformationen zum Phänomen der Tafeln gibt es auf www.tafelforum.de

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Kommentar

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Kommentar von Henrik Wittenberg am 5. Februar 2011 um 2:39pm
Zum Thema gibt es eine ARD-Dokumentation über die Situation in Köln: „Arm und abgeschrieben - Wer hilft aus der Krise?“
Kommentar von Henrik Wittenberg am 11. Dezember 2009 um 7:40pm
Auszug aus einem Interwiew mit Prof. Dr. Stefan Selke (tafelforum.de) im Freitag

Das eigentliche Ziel der Tafeln müsste ihre Selbstabschaffung sein, so Ihre Forderung. Ist das nicht unrealistisch?

Das klingt erstmal so. Dennoch sollte dieses Ziel in der Logik der Tafeln angelegt sein. Sie sollten nicht der Logik folgen, immer besser werden zu wollen und wie ein Franchise-Unternehmen immer mehr Ableger zu bilden. Die Verbandsvertreter machen einen Fehler, wenn sich nur auf ein möglichst gutes Management der Armut konzentrieren. Eine politische Alternative könnte etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen sein, das Menschen befähigt, wirklich als Kunden aufzutreten. Vorstellbar wäre auch, dass sich eine soziale Bewegung der Tafelnutzer formiert. Wenn man die Stimmen dieser Menschen bündelt, könnten sie politisch gehört werden, gerade auch bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr. Ziel muss die Armutsbekämpfung sein, nicht nur die Armutsbewältigung. Es kann keine Lösung sein, einfach immer nur mehr Tafeln aufzumachen.

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