Kölner Initiative Grundeinkommen

NEUE BILDUNG Die Arbeits- und Konsumgesellschaft kommt an ihre Grenzen, meint Christine Ax. Sie fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen und den Übergang zur „Könnensgesellschaft“

taz: Frau Ax, Deutschland bekommt in letzter Zeit dauernd schlechte Noten bei der Bildung. Bricht die Wirtschaft bald zusammen, weil es einfach zu wenig gut ausgebildete Leute gibt?

Christine Ax: Das ist nicht die angemessene Perspektive. Es wird immer der Eindruck erzeugt, als sei ein Mangel an Bildung die Ursache unserer Probleme. Information und Wissen werden überbewertet - Persönlichkeitsbildung unterbewertet. Alles zielt auf die ökonomische Verwertbarkeit von Kompetenzen ab: Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre gehört ebenso dazu wie die verschulten Bachelorstudiengänge. Da ist immer weniger Raum für eigene Gedanken, den Erwerb von echter Könnerschaft und eine umfassende Betrachtung komplexer Fragen.
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Die Arbeitgeber interessieren aber nun mal bestimmte Qualifikationen.

Das stimmt. Jedoch verbringen wir nur etwas mehr als zehn Prozent unserer Lebenszeit mit Erwerbsarbeit - wollen aber ein Leben lang uns selbst und unsere Fähigkeiten entwickeln. Es gibt mehr Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz unter- als überfordert sind. Deshalb ist es absurd, unser Bildungswesen noch stärker auf die Erwerbsarbeit ausrichten zu wollen. Wir produzieren auf diese Weise immer besser qualifizierte Verlierer. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Wachstumsdilemma. Die Notwendigkeit von Wachstum wird immer mit Arbeitsplätzen legitimiert, egal welche Qualität sie haben und wie sie bezahlt werden.

Und wie kommen wir da raus?

Ein gutes Leben wird von Wohlstandsforschern heute allgemein viel breiter definiert. Deshalb kommt es darauf an, den Teil der Bildung zu stärken, der den ganzen Menschen mit all seinen Fähigkeiten angeht. Ich denke da auch an Wissen und Können rund um die Bereiche Musik, Literatur, bildende Künste, Handwerk, Tanzen, Ernährung, Gartenbau, soziale Kompetenzen, Sport. Das ist ein Schlüssel, um unsere Gesellschaft zu transformieren. Wir brauchen Menschen, die viel mehr können, als zu konsumieren.

Aber von irgendwas muss ein singender, lesender und schwimmender Mensch leben.


Wir müssen die Arbeitsgesellschaft, die nur als Konsumgesellschaft funktioniert, überwinden. Anders als früher plädiere ich inzwischen für ein bedingungsloses Grundeinkommen, um unserem ökologischen und sozialen Dilemma zu entkommen. Dann müssten die Menschen nicht jede Form von Arbeit annehmen. Dann würde sich der Preis von Arbeit am Markt verändern, und die miserablen Jobs, die Menschen unterfordern und unglücklich machen, müssten besser bezahlt werden. Gute Arbeit und gute Produkte hätten es leichter.

Sie fordern die Könnensgesellschaft. Wie lernt man Können?

In den Schulen müssten auch musische, handwerkliche und körperlichen Fertigkeiten eine stärkere Position bekommen. Wir brauchen außerdem mehr Fehlertoleranz und den Mut zum Scheitern. Das ermutigt Kinder, Jugendliche und Erwachsene, etwas auszuprobieren, die eigenen Stärken zu entdecken und selbstbestimmter den eigenen Weg zu gehen. Das Wichtigste ist, dass sie motiviert werden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, und den Raum bekommen, sie zu leben. Doch genau das ist in einer Gesellschaft, die so viele überflüssig macht, nicht möglich. Uns geht immer mehr kulturelles Vermögen verloren - das fängt beim Kochen oder Schwimmen an. Es müsste mehr Angebote und Orte geben, wo vieles ausprobiert, gefördert und gelebt werden kann. Heute aber ist fast der gesamte öffentliche Raum privatisiert.

INTERVIEW: ANETTE JENSEN

Christine Ax: "Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise".
Rhombos, Berlin 2009, 276 Seiten, 29,80 Euro


Christine Ax, geb. 1953, ist Philosophin und Ökonomin. Als Mitinhaberin von "fx - Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften" beschäftigt sie sich mit Themen wie der "Ökonomie der Nähe" oder "Maßproduktion statt Massenproduktion". Viel beachtet wurde ihr Buch "Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften" (Berlin 1997).

Quelle: taz, 14.11.2009

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